Wenn es auf die Minute ankommt

Im Gespräch mit Dr. Helmut Kirschner von der Deutschen Stiftung Organtransplantation

Vor dem Abflug: Übergabe eines für die Transplantation vorbereiteten Organs am Flugzeug (Foto: Deutsche Stiftung Organtransplantation)

Am Hamburg Airport startete und landete 2016 insgesamt 121 Mal ein Flugzeug im Rahmen einer Organtransplantation. Erhalten Patienten die erlösende Nachricht, dass es ein passendes Spenderorgan gibt, zählt jede Minute. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Denn insbesondere das Herz und die Lunge bleiben nur wenige Stunden funktionsfähig, wenn sie nicht durchblutet werden. Wir haben mit Dr. Helmut Kirschner, seit 2002 ärztlicher Koordinator bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), gesprochen, warum Organtransporte am Hamburg Airport Leben retten:

Herr Dr. Kirschner, was sind Ihre Aufgaben als ärztlicher Koordinator?

Dr. Helmut Kirschner: Zusammen mit drei Kollegen im Organisationsschwerpunkt Hamburg der DSO-Region Nord bin ich das Bindeglied zwischen dem Krankenhaus, in dem ein Organspender liegt, den Angehörigen des Verstorbenen und den Transplantationszentren. Wir sind Ansprechpartner für alle Beteiligten und organisieren jeweils alle Schritte während einer Organspende, auch den Transport.

Dr. Helmut Kirschner im Gespräch mit Redakteurin Madeleine Lange in der Airport Lounge - Foto: Sandra Platzer

Wie sehen diese Schritte aus?

HK: Als Koordinatoren prüfen wir noch einmal die Einwilligung zur Spende entweder im Organspendeausweis oder durch die Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen, bei dem ein irreversibler (Anm. d. Redaktion: nicht heilbarer) Ausfall der Hirnfunktion festgestellt wurde. Das ist die medizinische Voraussetzung für eine Organspende. Die Organe werden eingehend auf ihre Eignung zur Transplantation untersucht, die Blutgruppe wird bestimmt, aber auch Größe und Gewicht spielen eine Rolle. Differenzierte Laboruntersuchungen, z. B. zur Vermeidung einer Abstoßung des Organs nach der Transplantation, werden parallel durchgeführt. Die Ergebnisse aller Untersuchungen geben wir an die Vermittlungsstelle Eurotransplant im niederländischen Leiden, wo die Zuteilung an die Empfänger nach den Richtlinien der Bundesärztekammer stattfindet. Die Entnahme, Verteilung und die Transplantation sind vom Gesetzgeber organisatorisch strikt getrennt, es gibt strenge Kontrollmechanismen.

Wann werden die Spenderorgane mit dem Flugzeug zu den Empfängern gebracht?

HK: Gerade weil es beim Herz und der Lunge auf die Zeit ankommt – denn sie können nur rund vier bzw. sechs Stunden ohne Durchblutung bleiben – werden sie häufig auf schnellstem Weg zu den jeweiligen Transplantationszentren geflogen. In den meisten Fällen kann der Transport aber mit dem Auto stattfinden, in speziellen Transportboxen, in denen die Organe auf vier Grad gekühlt werden.

Wie funktioniert so ein Transport?

HK: Bei Herz- und Lungentransplantationen chartern wir ein kleines Flugzeug. Damit reisen auch die Entnahme-Teams aus den Transplantationszentren in die Klinik, in der der Spender liegt, an und nehmen das Organ dann mit zurücknehmen. Bei Nierentransplantationen darf mehr Zeit zwischen Entnahme und Transplantation liegen, in diesen Fällen können wir auch bei weiteren Entfernungen einen Linienflug nutzen. Wir sind sehr froh, dass Hamburg, speziell das Geschäftsfliegerzentrum, auch nachts für Notfälle und Organtransporte offen ist.

Interview: Madeleine Lange


Deutsche Stiftung Organtransplantation:
Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) ist eine gemeinnützige Stiftung bürgerlichen Rechts. Nach dem Transplantationsgesetz ist sie die beauftragte Koordinierungsstelle für die postmortale (nach dem Tod) Organspende in Deutschland. Sie berät und unterstützt die Entnahmekrankenhäuser und die dort tätigen Transplantationsbeauftragten. In Hamburg und Schleswig-Holstein wurden im Jahr 2016 nach einem irreversiblen Ausfall der Hirnfunktion 223 Organe gespendet. In dieser Zeit wurden in den beiden Bundesländern 168 Organe transplantiert. Dabei haben 18 Personen ein neues Herz erhalten und sieben eine neue Lunge. Fragen zum Thema Organspende beantwortet ein qualifiziertes Team unter der kostenfreien Telefonnummer 0800/90 40 400.

dso.de


Hamburg·Flughafen 2017-3