Achillesferse Extremwetter

Im Gespräch mit dem Klima- und Wetterexperten Frank Böttcher

Frank Böttcher am Hamburg Airport (Foto: Michael Penner)

Das Wetter – wohl kein anderes Thema sorgt für so viel Gesprächsstoff wie die Frage nach dem Wetter: Wie warm wird es heute? Wird es am Urlaubsort etwa regnen? Es schneit! Droht überfrierende Nässe? Grund genug für ein wort- und wetterreiches Interview mit dem führenden Hamburger Experten Frank Böttcher.

Wie wird man eigentlich Wetterexperte?
Als Kind habe ich die Schneekatastrophe 1978/79 lebhaft miterlebt. Wir kamen aus den Skiferien im Allgäu und sind an zwei Tagen insgesamt 24 Stunden mit dem Auto durch die tiefverschneite Landschaft gefahren. Am Montag fiel die Schule in Hamburg aus, das hat zu spontaner Sympathie zwischen mir und dem Schneesturm geführt. Meine Leidenschaft war geboren.

Haben Sie trotz dieser Erfahrung in der Kindheit auch Angst vor Extremwetter?
Extremwetter hat ein hochinteressantes Spannungsfeld entlang der Grenze zwischen Faszination und Gefahr. Wenn man weit genug weg ist, dann ist Extremwetter mit seinen Naturgewalten und seinen Kräften unglaublich faszinierend. Wenn man mittendrin ist, kann es lebensgefährlich werden. In diese Gefahrenzone begebe ich mich nicht freiwillig.

Stichwort „Sommer 2018“ – war das ein Extremwetter-Sommer?
Ja, das war ein extremer Sommer. Denn er gehört zu den wenigen Sommern, die diese ganz hohen Temperaturen produzierten. Das war zuletzt vor 15 Jahren der Fall.

Nicht nur für die Menschen, auch für den Luftverkehr ist es wichtig, exakte Vorhersagen über das Wetter zu erhalten.
Sicherlich, denn Extremwettersituationen sind die Achillesferse der Mobilität. Der Mensch würde ja am liebsten alles so verändern, dass es für ihn bequem gestaltet ist – seine Reise also nicht durch das Wetter behindert wird. Das wird aber wahrscheinlich nie gelingen. Das Wetter produziert immer wieder Extreme, sie sind Teil der Physik der Atmosphäre. Extreme sind ein Risiko für die Planung, aber Sicherheit geht vor. Piloten versuchen Extremwetter zu vermeiden, beispielsweise indem sie um große Gewittertürme herumfliegen, Flughäfen werden vorübergehend gesperrt. Am sichersten ist es, bei Extremwetter nicht unterwegs zu sein. Die daraus resultierenden Verspätungen und Ausweichlandungen sind nicht zu vermeiden.

Frank Böttcher im Gespräch mit Redakteur Cord Schellenberg - Foto: Michael Penner

Was kann man noch tun?
Wichtig ist, dass alle Informationen rund um das Wetter schnell zu denjenigen gelangen, die sie benötigen. So können schwierige Ereignisse beim Fliegen vermieden werden. Ob Flughafen, Flugsicherung, Piloten – sie alle benötigen aktuelle und exakte Informationen bestmöglich aufbereitet. Nur so kann man dem Extremwetter aus dem Weg gehen.

Wettervorhersagen sind eine besondere Spezies – man weiß nie, ob sie wirklich eintreffen. Oder etwa doch?
Es haben sich in den vergangenen Jahren zwei Dinge verändert: Auf der einen Seite sind die Wettervorhersagen besser geworden, auf der anderen Seite ist aber auch die Erwartungshaltung der Menschen gestiegen, und zwar sehr deutlich. Wir sind inzwischen fünf Tage besser in den Vorhersagen als noch 1960, also etwa ein Tag pro zehn Jahre. Das bedeutet: Unsere Wettervorhersagen sind heute für fünf Tage so gut, wie damals für einen Tag. Das ist enorm. Gleichzeitig leben wir in einer Gesellschaft mit Mobiltelefonen und suchen ständig nach neuen Informationen. Und trotzdem ist alle Computertechnik der Welt nicht in der Lage, überall auf der Welt das Wetter immer richtig vorherzusagen.

Interview: Cord Schellenberg.


Zur Person:
Frank Böttcher ist 50 Jahre alt, lebt mit seiner Frau und drei gemeinsamen Söhnen im Hamburger Alstertal. Der gebürtige Hamburger ist renommierter Wetter- und Klimaexperte von wetter.net, auch bekannt als Meteorologe für NDR-Fernsehen, Hamburg1 und das Hamburger Abendblatt. In seiner Freizeit spielt Frank Böttcher Tennis oder reist gern. Im Sommer geht es mit der Familie nach Südfrankreich, im Winter zum Skifahren in den Harz.


Hamburg·Flughafen 2018-4