Expedition ins Airport-Tierreich

Das Gelände des Hamburger Flughafens ist Rückzugsort für viele Tiere

Eine Stunde nach Sonnenaufgang: Markus Musser, der Vogelschlagbeauftragte am Hamburger Flughafen und gelernter Förster, hat seine Runde über das Flughafengelände begonnen. Sein Auftrag: die wöchentliche Vogelkartierung, wie es in der Fachsprache heißt. Etwa zweieinhalb Stunden dauert sie, Markus Musser fährt dabei mit seinem Auto rund 40 festgelegte Punkte an, steigt aus und zählt, welche und wie viele Vögel er sieht, und was sie zu dem Zeitpunkt tun.

Markus Musser unterwegs - Foto: Daniel Hofer

130 Wirbeltierarten am Hamburg Airport

Heute Morgen gehören auch Feldlerchen dazu. Etwa 40 Paare des Vogels des Jahres 2019 brüten hier – außerhalb des Airports trifft man sie in Hamburg kaum mehr an. Aber auch Stare, Gänse, Schwalben, Möwen, Tauben, Saatkrähen, Dohlen, Rabenkrähen und Wacholderdrosseln rasten auf dem rund 500 Hektar großen Flughafengelände. Etwa die Hälfte davon ist Grünfläche, die größte zusammenhängende in ganz Hamburg. Viel Platz also für Tiere. Wie beispielsweise Feld-, Erd- und Rötelmäuse, Kaninchen, Kröten und mehrere Fuchsfamilien. 130 Wirbeltierarten wurden bisher gezählt, darunter befand sich sogar schon einmal ein Waschbär.

Der NABU hat die Feldlerche zum Vogel des Jahres 2019 ernannt. Sie hat auch eine Heimat am Flughafen gefunden, in der Stadt trifft man diesen Wiesenbrüter sonst kaum mehr an. Foto - NABU Manfred Delpho

Als Wildlife Manager von Hamburg Airport ist Markus Musser dafür zuständig, die Tierwelt am Flughafen im Blick zu haben – und zu steuern, welche Arten hier leben. „Natürlich müssen wir verantwortungsvoll mit den Tieren auf dem Gelände umgehen. Aber wir müssen primär sicherstellen, dass Flugzeuge hier sicher starten und landen können“, erzählt er. „Wir planen, kontrollieren und passen an.“ Denn Kaninchen oder Mäuse dürfen beispielsweise die Pisten, Rollwege und Vorfelder nicht unterhöhlen, und Vögel dürfen nicht mit Flugzeugen zusammenstoßen.

Während Kaninchen Infrastruktur und Gebäude durch Untergrabungen schädigen können oder als Nahrungsgrundlage für Vögel dienen, gelten Hasen, hier im Foto, auf dem Gelände als ungefährlich. Deshalb wird der Kaninchenbestand am Flughafen engmaschig kontrolliert. Am Airport leben derzeit stabil etwa 20 Kaninchen und 20 Feldhasen. Foto - M. Penner

Das Wildlife Control Team überwacht den Tierbestand

Dem Wildlife Control Team kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Es setzt sich hauptsächlich aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Verkehrsaufsicht, der Abteilung für Grünflächenpflege und der Umweltabteilung zusammen. Diese Mitarbeiter sind speziell auf den Tätigkeitsbereich Wildtierkontrolle (Wildlife Control) geschult. So dokumentieren sie, wo welche Arten auf dem Hamburger Flughafen leben. In bestimmten Zonen werden Tiere toleriert, in anderen, nahe den Start- und Landebahnen, hingegen nicht. Das oberste Ziel ist die Verhinderung von Vogelschlag, also die Kollision von Vögeln mit Flugzeugen. Ältere Krähen zum Beispiel können die Gefahr abschätzen und weichen den Flugzeugen aus. Entdecken die als Wildlife Control Officer geschulten Kontrollwagenfahrer auf ihren Routinetouren über die Flughafenpisten jedoch Tiere, wie beispielsweise Reiher, die aufgrund ihrer Größe problematisch sind, vergrämen sie diese mittels Pyrotechnik durch laute Geräusche.

Verschreckung durch Greifvögel

Wüstenbussarddame Sally ist nur ein Gast am Flughafen. Sie kommt regelmäßig aufs Gelände von Hamburg Airport, um kleinere Vögel zu vertreiben. Foto - M. Penner

Als noch effektiver hat sich die Verschreckung durch Greifvögel erwiesen: Regelmäßig kommt ein Falkner auf das Flughafengelände und lässt seine Bussarde und Falken kreisen – selbstverständlich in sicherem Abstand zu den Flugzeugen. Und auch die hier lebenden Füchse stellen sicher, dass sich Mäuse und Kaninchen nicht allzu freudig vermehren.

Auf dem Gelände leben drei Fuchsfamilien. Sie fressen Mäuse, die im Erdreich Höhlen bauen und Vögeln als Nahrung dienen. Foto: Michael Rumstedt

Trotz der startenden und landenden Flugzeuge: Für viele Tiere ist der Flughafen ein Rückzugsort. Denn draußen in der Natur sind sie viel größeren Störungen ausgesetzt – Besucherverkehr mit Hunden wie im Wald gibt es hier nicht. „Das Flughafengelände ist ein Refugium, ein Rückzugsort für Tiere und Pflanzen, die es sonst nur noch selten im Stadtbild gibt“, sagt Markus Musser. MaL

Auch sie leben hier

Fasane

Sie bewegen sich eher am Boden als in der Luft, daher stören Fasane den Flugbetrieb nicht.

Wildbienen

Foto - Deutsche Wildtier Stiftung

Blühstreifen mit Wildblumen, die die Umweltabteilung von Hamburg Airport am Rande des Flughafengeländes angelegt hat (insgesamt 10.000 Quadratemter), ziehen Wildbienen an. Auch andere Insekten leben dort ebenfalls und locken wiederum Vögel von den Start- und Landebahnen weg. Für sein Wildbienen-Engagement wurde Hamburg Airport kürzlich ausgezeichnet.

Honigbienen

Seit 20 Jahren helfen sie dabei, die Luftqualität am Flughafen zu kontrollieren. Acht Bienenvölker werden jeweils im Frühjahr aufgestellt, 240.000 fleißige Bienen heben bis zum Herbst Tag für Tag ab. Rund 160 Kilogramm Honig produzieren sie pro Jahr. Ihre Waben werden in einem Labor auf Schadstoffe überprüft.

Austernfischer

Mit ihren langen Schnäbeln suchen Austernfischer in flachgründigen Böden nach ihrer bevorzugten Nahrung: Würmern. Da sie relativ groß sind, hat das Wildlife Control Team vom Airport stets ein besonderes Auge auf diese Vögel.

Eisvogel

AdobeStock/Manfred Stöber

Er siedelt sich gern an sauberen und fischreichen Fließ- und Stehgewässern an – vielleicht bald auch am Flughafen. Der Vogel mit seiner auffallenden blauen Gefiederfärbung ernährt er sich von kleinen Fischen, Wasserinsekten und deren Larven.


An der Tarpenbek soll der Eisvogel nisten

Nach ihren erfolgreichen Projekten zum Schutz von Honig- und Wildbienen hat der Umweltbereich von Hamburg Airport einen neuen Beitrag zum Artenschutz und zur Biodiversität gestartet: Im Bereich der Tarpenbek soll der bei uns recht seltene Eisvogel zum Nisten und Brüten angeregt werden. Mehrfach war ein Eisvogel in der Nähe des Bachs gesehen worden, der seinen Ursprung in Norderstedt hat und am Flughafen vorbei bis in die Alster fließt. Im Rahmen eines Azubi-Projekts des Airports wurden jetzt zwei Nisthilfen gebaut und an geeigneten Stellen installiert – Standorte, an denen der Vogel die Möglichkeit bekommt, sich ungestört von Menschen und anderen Tieren anzusiedeln. Begleitet wird die Aktion von einem externen Biologen, der den Verlauf des Vorhabens ständig überwacht. WD


Hamburg·Flughafen 2019-2